Bildung

Stüveschule Osnabrück: Wenn Erstklässler nie eine Kita kannten

Manche Kinder betreten am ersten Schultag eine völlig fremde Welt. Sie kennen keine Gruppenregeln, haben kaum Erfahrung mit anderen Kindern und sprechen oft wenig Deutsch. An der Stüveschule in Osnabrück ist das keine Ausnahme. Schulleiter Martin Igelmann schlägt Alarm: Immer mehr Erstklässler kommen ohne jede Kita-Erfahrung in seine Schule.

Fehlende Grundlagen vom ersten Tag an

Wer keinen Kindergarten besucht hat, dem fehlt mehr als nur Spielerfahrung. Kinder ohne Kita-Zeit haben oft keine Routine im Umgang mit Gleichaltrigen. Sie können häufig weder Stift noch Schere richtig halten. Das Sitzen in einer Gruppe ist für sie ungewohnt. Einfache Regeln wie Abwarten oder Zuhören müssen erst mühsam erlernt werden.

Martin Igelmann kennt das Problem aus dem Schulalltag. Solche Kinder stellten die Lehrkräfte vor erhebliche Herausforderungen, berichtet er. Der reguläre Unterricht muss immer wieder unterbrochen werden, die Klasse kommt langsamer voran. Alle Schülerinnen und Schüler spüren das.

Ein Problem, das über Osnabrück hinausgeht

Die Stüveschule steht damit nicht allein. Das Saarländische Bildungsministerium meldete ähnliche Befunde: Besonders jene Kinder seien sprachlich und sozial zurück, die zuvor keine Kindertagesstätte besucht hatten. Auch aus Wien wurden zuletzt alarmierende Zahlen bekannt. In manchen Stadtbezirken fehlt einem Großteil der Erstklässler die nötige Deutschkompetenz, obwohl viele dieser Kinder mindestens zwei Jahre einen Kindergarten besucht hatten.

Die Debatte über Bildungsgerechtigkeit ist damit keine rein städtische Frage mehr. Sie betrifft Schulen in ganz Deutschland.

Warum der Kindergarten so wichtig ist

Frühkindliche Bildung gilt als wichtige Grundlage für den späteren Schulerfolg. Im Kindergarten üben Kinder soziale Fähigkeiten, die im Schulalltag gebraucht werden: Geduld, Rücksicht, das Lösen von Konflikten. Wer diese Phase überspringt, startet mit einem deutlichen Rückstand.

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Die Osnabrücker Tafel unterstützt in der Stadt wöchentlich über 700 Kinder mit Mahlzeiten an Schulen und Kitas. Auch sie betont: Ein voller Magen ist Voraussetzung für Konzentration und Lernerfolg. Materielle Armut und fehlende Kitabesuche hängen oft zusammen.

Lehrkräfte tragen die Last

Die Folgen trägt in erster Linie das Schulpersonal. Lehrerinnen und Lehrer müssen Defizite auffangen, die Jahre früher hätten angegangen werden müssen. Gleichzeitig fehlt es vielerorts an Fachkräften; Quereinsteiger werden eingesetzt, um den Unterricht aufrechtzuerhalten. Eine dauerhafte Lösung ist das nicht.

An der Stüveschule heißt das konkret: mehr Förderaufwand, mehr individuelle Betreuung, weniger Zeit für den regulären Lehrplan. Martin Igelmann und sein Team stemmen das täglich. Die strukturellen Ursachen können Schulen allein jedoch nicht beheben.

Was sich ändern müsste

Bildungspolitiker und Fachleute fordern seit Jahren eine stärkere Verbindlichkeit bei der Kita-Teilnahme. Freiwilligkeit reicht offenbar nicht aus. Gerade für Kinder aus bildungsfernen oder sozial benachteiligten Familien wäre ein verpflichtender Kita-Besuch ein wichtiger Schritt. Diskutiert wird auch ein verpflichtend vorgezogenes Vorschuljahr.

Bislang bleibt es in Niedersachsen bei Empfehlungen. Eine gesetzliche Pflicht zum Kindergartenbesuch gibt es nicht. Das hat Folgen, die Schulen wie die Stüveschule täglich spüren.

Fazit

Was an der Stüveschule sichtbar wird, ist ein systemisches Problem. Kinder ohne Kita-Erfahrung starten mit erheblichen Nachteilen in die Schullaufbahn. Schulleiter Igelmann macht auf einen Missstand aufmerksam, den die Bildungspolitik seit Jahren kennt. Gehandelt wird zu wenig. Die Konsequenzen tragen am Ende die Kinder, ihre Mitschüler und die Lehrkräfte.

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