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16. Mai 2001
"Zivilcourage" Ehemaliger niederländischer Gestapo-Häftling bietet Einblick in das Arbeitserziehungslager Ohrbeck "Zivilcourage" ist, einen Gestapo-Wachposten daran zu hindern, einen wehrlosen Häftling zu schlagen. Zivilcourage ist selten anzutreffen, weil sie unangenehme Folgen haben kann - wie im Fall von Luise Lütkehoff. Die mutige Osnabrückerin, die im Februar 1945 beherzt eingriff, um den niederländischen Häftling Adrian Eijke vor weiteren Misshandlungen der Peiniger zu schützen, wurde für ihre Zivilcourage bei der Gestapo vorgeführt und staatspolizeilich verwarnt. 56 Jahre später wird diese "Zivilcourage" zum Thema einer Veranstaltung in der Volkshochschule. Der ehemalige Gestapo-Häftling Adrian Eijke aus Haarlem ist der Einladung von Oberbürgermeister Hans-Jürgen Fip gefolgt und wird am Montag, 21. Mai, 19.30 Uhr, in der Volkshochschule von seinen Erfahrungen im Arbeitserziehungslager Ohrbeck berichten. Eine Einführung in das Thema gibt der Osnabrücker Historiker Volker Issmer. Der Gesprächsabend, zu dem alle Interessierten herzlich eingeladen sind, findet im Vortragssaal der Volkshochschule, Bergstraße 8, statt. Der Eintritt ist frei. Was war im Februar 1945 passiert? Dieser Frage ging Volker Issmer auf den Grund und zeichnete den Fall von Adrian Eijke wie folgt nach: Einem jungen Mann, Niederländer, halbverhungert, in Häftlingskleidung und mit den großen weißen Buchstaben A/Z auf der zerlumpten Jacke, werden Zementsäcke von einem LKW auf den Rücken geladen. Er bricht unter der Last zusammen. Ein deutscher Wachposten schlägt mit dem Knüppel auf ihn ein, um ihn zum Aufstehen zu bringen. Zwei deutsche Frauen, eine ältere und eine jüngere, kommen hinzu. Die ältere tritt dazwischen und hindert den Wächter, weiterzuschlagen. Später wird der junge Niederländer in das Gestapo-Gebäude gebracht. Dort sieht er von weitem die beiden Frauen wieder, die versucht hatten, ihm zu helfen. So schildert Adrian Eijke aus Wijk aan Zee heute sein damaliges Erlebnis in Osnabrück. Der gebürtige Haarlemer wurde im Sommer 1943 zum Arbeitseinsatz in Berlin "dienstverpflichtet" - einer von Hunderttausenden von Niederländern, die im Verlaufe des Krieges für das nationalsozialistische Deutschland Zwangsarbeit leisten mußten. Er erlebte die ständigen Bombardierungen der Reichshauptstadt und fürchtete um sein Leben. So entschloss er sich Ende 1944 zur Flucht. Es gelang ihm auch, bis an die Grenze zwischen Nordhorn und Denekamp zu kommen. Dort wurde er entdeckt und festgenommen. Nach ersten Misshandlungen brachte man ihn zuerst ins Gestapogefängnis in Osnabrück. Dann wurde er ins Arbeitserziehungslager Ohrbeck eingeliefert. In dieser KZ-ähnlichen Einrichtung verbrachte er mehrere Wochen und erlebte, wie Männer an Krankheiten, Hunger und Misshandlungen starben. Die der Gestapo unterstehenden Arbeitserziehungslager waren dazu da, um ausländische "Fremdarbeiter" zu bestrafen, die nicht so arbeiteten, wie die Deutschen das verlangten. Niederländer, von denen es in Ohrbeck Hunderte gab, wurden vor allem eingeliefert, weil sie versucht hatten, zurück in ihre Heimat zu fliehen. Die Deutschen nannten das "Arbeitsvertragsbruch", obwohl diese Männer nie einen Vertrag abgeschlossen hatten. Arbeiten mussten die Ohrbecker Häftlinge unter unmenschlichen Bedingungen im Werk Georgsmarienhütte, das damals zum Klöckner-Konzern gehörte. Sie wurden aber auch zum Trümmerräumen nach Bombardements in der Stadt Osnabrück eingesetzt, wo es dann zu dem oben geschilderten Vorgang kam. Seit Jahren erforscht der Osnabrücker Historiker Volker Issmer die Geschichte des Arbeitserziehungslagers Ohrbeck, wobei ihm Koert O. Braches wertvolle Hilfe leistet. Koert Braches hat für ein Jahr seine Heimatstadt Haarlem als Städtebotschafter in Osnabrück vertreten und kam so mit dem Thema Arbeitserziehungslager Ohrbeck in Verbindung. Die niederländische Übersetzung in dem zweisprachig erschienenen Buch Niederländer im Verdammten Land/Nederlanders inīt Verdoemde Land von Volker Issmer, herausgegeben 1998 vom Landschaftsverband Osnabrücker Land e. V. und seinerzeit auch der Niederländischen Königin Beatrix überreicht, stammt von ihm. Koert Braches war es auch, auf den Herr Eijke zuerst stieß, als er im letzten Jahr - nach früheren vergeblichen Anläufen - versuchte, etwas über das Lager in Erfahrung zu bringen, in dem er damals so gelitten hatte. Durch die freundliche Hilfe der Stichting Nationale Hannie Schaft Herdenking kam es im Januar zu einer ersten Begegnung in Haarlem, bei der Herr Eijke dem Gast aus Osnabrück umfassend über seine Erlebnisse als Zwangsarbeiter berichtete. Eine seiner ersten Fragen aber war: "Ist es wohl möglich, die beiden Frauen wiederzufinden, die mir damals geholfen haben?" 16.2.45 Die L.[=Lütkehoff, Luise] wurde am 13.2.45 staatspolizeilich gewarnt, weil sie einen mit der Bewachung von Häftlingen betrauten Mann beleidigt und tätlich angegriffen hatte. Dieser Eintrag findet sich auf einer Karte der Osnabrücker Gestapo-Kartei, die den Krieg überdauert hat und heute im Niedersächsischen Staatsarchiv Osnabrück eine Fundgrube für die Erforschung (nicht nur!) der Osnabrücker NS-Geschichte ist. Frau Lütkehoff ist seit langem verstorben, aber ihre Tochter erinnert sich noch gut an den Vorfall, bei dem sie selbst anwesend war (als die "jüngere Frau") und den sie ganz ähnlich wie Herr Eijke schildert, aus ihrer Perspektive natürlich. Trotz einiger Unterschiedlichkeiten in Details ist daher kaum daran zu zweifeln, dass sie und Herr Eijke vor 56 Jahren inmitten der Trümmer von Osnabrück zusammengetroffen sind, als ihre Mutter spontan und couragiert versuchte, dem niederländischen Häftling aus dem Arbeitserziehungslager Ohrbeck zu helfen. |
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Letzte Änderung: 16.5.2001 |