Die Burgruine
Gruselgeschichte des Monats von Martin Barkawitz

"Heute zeige ich dir mein Geheimnis."
Diese Ankündigung ihrer besten Freundin Katja ließ Heikes Herz höher schlagen. Seit die achtzehnjährige Katja in Heikes Klasse gekommen war, weil sie eine "Ehrenrunde" drehen mußte, waren die beiden Mädchen ein Herz und eine Seele.
Heike bewunderte heimlich die zwei Jahre ältere Katja, die ihr so viel lebenserfahrener vorkam als sie selbst es war. Umso stärker stieg Heikes Spannung, was das Geheimnis anging. Katja hatte ihr schon so viel über sich selbst erzählt. Was für ein Geheimnis mochte sie vor der Welt verbergen?
Heike saß wie auf heißen Kohlen. Die Schulstunden zogen sich zäher dahin als Kaugummi. Doch wenn sie Katja um eine Andeutung anflehte, lächelte die Freundin nur rätselhaft.
"Du wirst schon sehen."
Nach einer halben Ewigkeit war der Schultag vorbei. Die beiden Mädchen verabredeten sich für drei Uhr nachmittags am südlichen Ortsausgangsschild der kleinen Stadt.
Natürlich war Heike superpünktlich. Aufgeregt trat sie von einem Bein auf das andere. Plötzlich ertönte ein Kichern hinter ihr. Katja war gekommen. So, als wäre sie aus dem Boden gewachsen. Heike hatte sie nicht herannahen hören.
"Hast du mich erschreckt!"
"Schlechte Nerven, Heike?"
"Quatsch, wie kommst du denn da drauf?"
"Dann geht es jetzt los!"
Bevor Heike etwas erwidern konnte, hatte Katja sie an der Hand genommen. Die Achtzehnjährige zog ihre Freundin hinter sich her. Sie entfernten sich von der Straße. Bald drangen sie immer tiefer in den Wald ein. Die Bäume standen dicht an dicht. Ihre Wipfel ließen kaum einen Sonnenstrahl hindurch. Obwohl es ein schöner Sommertag war, spürte Heike plötzlich die Gänsehaut auf ihren nackten Armen.
Die Wanderwege, die durch den Forst geschlagen waren, ignorierte Katja. Sie führte ihre Freundin durch das Unterholz, zwischen eng stehenden Bäumen hindurch.
Heikes Geduld wurde auf eine harte Probe gestellt. Aber schließlich gelangten sie auf eine Lichtung. Einige grob behauene Steinquader lagen im Moos. Ansonsten unterschied sich dieser Ort durch nichts von dem übrigen Wald, den sie gerade durchquert hatten.
Katja stemmte stolz ihre Hände in die Hüften.
"Hier ist es!"
"Was?"
"Na, mein Geheimnis natürlich!"
"Und was ist hier so besonders?"
"Das hier ist eine Burgruine!"
Heike schaute sich um. Zugegeben, die Steinreste lagen in einer gewissen Ordnung auf dem Waldboden. Man konnte sich vorstellen, daß hier vor ewigen Zeiten einmal eine Mauer oder sowas gestanden hatte. Aber gleich eine richtige Ritterburg? Heike konnte ihre Enttäuschung nicht verbergen.
"Und das ist dein Geheimnis?!"
"Das hier war nicht irgendeine Burg." Katjas Stimme klang plötzlich dunkler, rauher.
"Sie hat einem berüchtigten Raubritter gehört. Dort drüben, wo die beiden Fichten stehen, war der Bergfried."
"Was ist denn das?"
"Der Hauptturm einer Burg. - Und dort, links neben dir, befand sich das Vorkastell mit der Zugbrücke."
Woher wollte Katja das wissen? Doch Heike mußte zugeben, daß sich der Boden unter ihren Füßen feucht anfühlte. Man konnte sich vorstellen, daß hier einmal ein Burggraben gewesen war.
"Ritter Rüdiger war ein gefürchteter Mann." In Katjas Augen blitzte es.
Plötzlich bekam Heike Angst.
"War ... war das dieser Raubritter?"
Katja lachte. Es klang wie ein Männerlachen.
"Er war mehr als das, Heike. Er verstand die Schwarzen Künste. Als er starb, nahm er seine Magie mit ins Grab. Sein Geist kann heute noch jeden Körper betreten. So, wie er es wünscht."
Das achtzehnjährige Mädchen sprach nun wirklich mit der Stimme eines alten Mannes. Entsetzt hielt sich Heike die Ohren zu.
Sie drehte sich auf dem Absatz um und lief davon. Bald mußte sie die Hände von den Ohren nehmen, um die Äste der Bäume zur Seite schlagen zu können.
Um nichts auf der Welt wollte sie einen Blick über die Schulter zurück werfen.
Es war schon schlimm genug, das Klirren einer Ritterrüstung hinter ihr hören zu müssen.

ENDE

 



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