Madagaskar-Links:

www.madagaskar-online.de
www.freunde-fuer-madagaskar-ev.de (gehört zu einer christlichen Hilfsorganisation, von der man auf andere Seiten kommen kann, die umfassend über die politische Lage in dem Land berichten)
www.malala-madagascar.net (die Fortsetzung über die Ereignisse nach den Wahlen und dem Bürgerkrieg Anfang und Mitte des Jahres (dazu gibt es einen gesonderten Link auf der Seite, Seite ist leider ziemlich langsam im Aufbau) umfassende Info auf Deutsch über die aktuelle Situation auf Madagaskar.)
BBC (Internetportal der BBC, Suchbegriff: Madagascar)
www.allafrica.com (afrikanische Nachrichtenagentur, Suchbegriff: Madagascar)


Michèle Rakotoson: "Dadabé"

Aus dem Französ. von Nys Barbara Egger und Heinz Hug. Lamuv-Verlag, Göttingen 1998. 150 S. 18.80 DM.

Madagaskar (Klick zum Zoomen)

Wer kennt Madagaskar, den "linken Fußabdruck rechts" von Afrika? Auf der Großen Insel, zweimal so groß wie Deutschland, wohnen 13 Millionen: ein kulturell reiches, doch wirtschaftlich armes Bauern- und Hirtenvolk aus 18 Volksgruppen, deren Alltag vom animistischen Ahnen- und Totenkult geprägt ist.

In der Hauptstadt Antananarivo dagegen ist vieles anders. Sie ist von christlichen Kirchen beherrscht; sie ist das Zentrum von Verwaltung, Handel und Bildung, von Zeitung und Fernsehen. Hier wohnt die hauchdünne Oberschicht, meist Nachfahren der Könige und Königinnen, die bis 1896 die Insel regierten. Der Einfluß der einstigen Kolonialmacht Frankreich ist unübersehbar.

Das Französische freilich hat sich nicht durchgesetzt. Selbst in der Hauptstadt meistern nur 23 v.H. die neue Amtssprache, ja nicht einmal die Hälfte der heute 40-54jährigen, die damals ganz auf französisch unterrichtet wurden. Französische Bücher sind teuer, auch Schulbücher und erst recht Belletristik. Studiert wird französisch, gesungen wird malagasy. Das Malagasy ist vokalreich und grammatisch grundverschieden. Es stammt aus Polynesien wie die Madegassen selbst und ihre einzigartige Kultur. Madagaskar ist Asien in Afrika.

Geschichten sind eine madegassische Leidenschaft: erzählen, singen, fabulieren. Phantastisches verwebt sich in Wirkliches, Gedichte in Prosa, mit Spannungsbögen, die auf- und absteigen.

Michèle Rakotoson erzählt solche Geschichten. Sie ist 1948 in Antananarivo geboren, studierte dort und in Paris, ging 1983 nach Frankreich. Sie schreibt auf französisch. Ihr Kurzroman "Dadabé" (Großvater) wurde mit einem Preis ausgezeichnet und ist 1998 auf deutsch erschienen.

Rakotoson erzählt von der tödlichen Bedrohung christlicher Städter durch dörflerisches Heidentum. Die Studentin Nivo hatte als Kind ihren Dadabé bei einer Arztvisite in ein Dorf begleitet, wo trotz der Kirchen alter Götter- und Totenkult ausgeübt wird. Bald darauf war Da-dabé gestorben. Sein Schatten verfolgt sie nun und will ihren neugeborenen Sohn holen. Am 22.04.1999 ist Michèle Rakotoson in der Lagerhalle in Osnabrück und stellt ihr Werk vor. (Robert Unsöld)

M. Rakotoson

"Dadabé"

In "Dadabé" wird die "Ich"-Erzählerin Nivo von einem "Schatten" aus ihrer Kindheit bedroht, der nicht von ihr Seite weichen will. Nivo wohnt in der Hauptstadt Antananarivo. Sie ist 20 und studiert. Abends in der Diskothek sieht sie den Schatten von früher wieder.

Als Kind mit 10 hatte Nivo ihren Dadabé (Großvater) besucht, der in einem Dorf vor der Hauptstadt Landarzt ist. Dort in Ambatomanga hatte er sich ein Haus gebaut. Sogar eine Kirche mit Krypta, wo er einmal beerdigt sein will. Nivo begleitet den Dadabé zu einer Kranken noch weiter draußen, nach Ambohitantely. Diesen Ort umgibt ein ekliger Geruch von Fäulnis. Die Bewohner sind ausgezehrt und zerlumpt, die Häuser eingestürzt. Der Dadabé wird unfreundlich empfangen. Man nennt ihn "Fremder". Er hatte das Dorf über das verbotene Nordtor betreten, das der Göttin Raodibato geweiht ist. Und er ist Christ: einer von jenen, die ihre Kirchen in der Nordostecke errichteten, die den Ahnen gehört. Die hochschwangere Kranke und ihr Baby kann der Dadabé nicht retten. Wieder zurück, erscheint ein "Schatten": der Dadabé hat Krebs. Dadabé stirbt. Er sei verhext worden, meint die Großmutter, von Rabe, bei dem sich der Dadabé öfters Heilkräuter besorgte: Bei Rabe könne man Gespenstern begegnen.

In der Diskothek hatte Nivo jemanden kennengelernt — man erfährt den Namen nicht. Er ist Beamter im Ministerium. Man sieht sich im Schwimmbad wieder. Sie besucht den Überraschten in seinem Büro, um sich das versprochene Buch auszuleihen. Nivo wird schwanger. Sie hat Alpträume von dem Dorffriedhof: ihr Dadabé liegt in einem offenen Sarg und verfault. Man heiratet bald, wohnt in einem großen Haus in der feinen Oberstadt. Doch noch bevor das Kind geboren wird, verläßt ihr Mann sie mit einer anderen. Nivo will ihren Sohn nicht: dieses "gehäutete Kaninchen mit einer platten Nase". Dann ist plötzlich der Schatten da, der Dadabé, und will ihr den Sohn entreißen. Nivo wehrt sich dagegen, sie akzeptiert ihren Sohn. Im Zimmer hängt das Bild einer Madonna, Nivo sucht das Kreuz, das ihre Mutter dagelassen hat, Nivo versucht Licht zu machen. Der Schatten wendet sich haßerfüllt ab, der Schatten geht.

Nur dem wehrhaften Christen also gehört die Zukunft? Ihm, der sich mit allen spirituellen Mitteln (Madonna, Kreuz) gegen das Heidnische stemmt — das "schatten"gleich sogar hinter dem vertrauten Gesicht lauert, um unser Gestern, Heute und Morgen zu vernichten, und letzte Ursache ist für frühen Tod und all das Elend?

"Dadabé" ist zum Teil autobiographisch. Michèle Rakotoson entstammt also wie ihre Figuren Dadabé, Nivo und der namenlose Ehemann, der hauchdünnen Oberschicht Madagaskars, für die ein sorgenfreies Hier und Heute, Morgen und Anderswo selbstverständlich ist, die alles hat und noch mehr: eine gute Ausbildung, Karriere und Luxus. Diese hauchdünne Schicht hat politisch das Sagen.

Michèle Rakotoson ist studierte Soziologin. Wen ihr literarischer Ratschlag von 1984 aus dem Elend und zu persönlichem Glück geführt hat, und ob durch ihren Rat 1999 der Teufelskreis von Armut und Unwissenheit zum Wohl ihrer 13 Millionen Landsleute in Madasgaskar endlich aufgebrochen ist, wird sie uns sicher mitteilen. (Robert Unsöld, 16.04.99)



Osnabrück-Net Letzte Änderung: 30.09.2004