
TV Tipp vor der WM
Churubamba - Frauen am Ball
360° - Die Geo-Reportage
Reportage, Deutschland / Frankreich 2006, ARTE, Erstausstrahlung
Regie: Carmen Butta; Moderation: Simone von Stosch
Sa 03.06.2006 um 12:55h ARTE
http://dyninet.wdr.de/inetepg/ObjekteZurSendung.asp?Sendung=2143127&bookmark=&Pos=
http://www.arte-tv.com/de/woche/244,broadcastingNum=524237,day=2,week=22,year=2006.html
"360º - Die Geo-Reportage" begleitet Juana Estrada Huamán und ihre Mannschaft während einer Reihe turbulenter Spiele in Peru. ARTE zeigt diese Reportage innerhalb des Programmschwerpunktes zur FIFA-WM 2006.
Peru - eine stille Bergregion fernab der großen Städte. Sanft schmiegen sich die Wolken an die malerischen Felsen, ein Lama kaut träge vor sich hin bis ein Aufschrei jäh die Stille unterbricht: "Tooor!" Eine Gruppe Frauen reißt jubelnd die Arme in die Luft. "Bei jedem Tor würden wir am liebsten erst mal zehn Minuten lang lachen", sagt Juana Estrada Huamán. Sie ist Verteidigerin im Fußballteam von Churubamba, einem kleinen Andendorf. Jeden Tag spielt sie auf 3.850 Meter Höhe gemeinsam mit zwei Dutzend weiterer Bäuerinnen Fußball. Kicken ist für sie Spaß, Spannung und auch Flucht vor ihrem Alltag aus Feldarbeit, Viehzucht, Haushalt und Kinderversorgung.
In Churubamba gibt es keinen Strom, kaum fließendes Wasser. Nicht einmal eine Busverbindung führt in das kleine Dorf. Der nächste Ort ist eine Stunde Fußmarsch entfernt. Dorthin laufen die Frauen nur, um hin und wieder ihre Produkte auf dem Markt zu verkaufen - oder um Fußball zu spielen! Sie kennen weder Beckham noch Ballack oder Zidane. Auch, dass im Jahr 2006 eine Fußball-Weltmeisterschaft ausgetragen wird, weiß in Churubamba niemand. Wichtig ist für die Frauen vor allem, wie es ihren Tieren, ihrem Land und ihrer Familie geht. Und es ist wichtig, wie das nächste Spiel ausgeht.
Diesen Sonntag trifft das Frauenteam aus Churubamba auf Manco, ein Dorf auf der anderen Seite des Berges, gegen das sie noch nie gespielt haben. Die Stimmung an und auf dem Spielfeld brodelt, als ginge es um den Weltmeistertitel. Am Ende geht Churubamba als Sieger vom Platz. Die Prämie: ein Dutzend Meerschweinchen - Cuy, wie sie hier genannt werden. Kross gebraten sind sie eines der Nationalgerichte Perus.
Im Spiel darauf gibt es keinen Grund zum Jubeln: Churubamba verliert gegen Huilloc, und damit auch den Siegpreis - diesmal sind es Hühner. Damit wird das nächste Spiel für Churubamba umso wichtiger. Ausgerechnet diese Partie gegen das Dorf Andahuaylillas wird nicht, wie sonst üblich, auf einem einfachen Feld ausgetragen, sondern im Stadion der Kreisstadt Urcos. Churubambas Verteidigerin Juana ist nervös - auch wenn ihre Mannschaft heute nicht zum ersten Mal in einem richtigen Stadion spielt. Schließlich sind sie im Jahr zuvor sogar Meister des Fulbito Andino geworden. Der Bürgermeister von Andahuaylillas und seine Frau hatten Mitte der 1990er Jahre diese Meisterschaft ins Leben gerufen und richten auch die aktuellen Spiele aus. Juana und ihr Team haben Andahuaylillas also viel zu verdanken - schenken werden sie ihnen auf dem Rasen trotzdem nichts.
Unvergesslich bleiben die vielen Abende, die wir am Ende des Drehtages mit dem Bürgermeister der Andenstadt Andahuaylillas verbracht haben. Durch lange Gespräche bei einer Flasche Pisco konnten wir von Guillermo Chillihuany, einem aufgeschlossenen, sozial engagierten Indianer der Hochland-Region, einen eindringlichen Einblick in das heutige Peru bekommen und Hintergründe für die grassierende Armut erfahren. Immer wieder betonte der Bürgermeister die anhaltende Diskriminierung der Quechua-Indianer durch die Mestizen, jenen wohlhabenderen, Spanisch sprechenden Nachfahren von Indianern und spanischen Kolonialherren, die zur Mehrheit der Bevölkerung zählen. Heute noch, 500 Jahre nach der Eroberung durch die Spanier, sind die Ureinwohner Perus Menschen dritter Klasse.
"Indianer" – immer wieder wird diese Bezeichnung als Schimpfwort verwendet. Es steht für "zurückgeblieben, ignorant, stinkend, schmutzig" – Vorurteile, die weiterhin am Selbstwertgefühl der Inka-Nachfahren nagen. Fast unter Tränen erzählte uns der Bürgermeister, wie sehr er sich als Jugendlicher wegen seiner Quechua sprechenden Eltern geschämt hatte. Durch Stipendien hatte er studieren können und jedes Mal, wenn er von ihnen in der Stadt besucht wurde, tat er vor den anderen Schülern so, als würde er kein Quechua verstehen und die beiden nicht kennen.
Heute versucht der Bürgermeister, etwa durch den Unterricht in Schulen und Alphabetisierungskurse, bei den Quechua-Indianern der Region Stolz auf ihre Herkunft zu erwecken. Doch gegen die praktischen Seiten der Diskriminierung führt er oft einen aussichtslosen Krieg. Die meist abgeschiedenen Gemeinden der Quechua-Indianer, die zur Kreisstadt Andahuaylillas gehören, bekommen weitaus weniger staatliche Gelder für ihre Infrastruktur als Orte, in denen vorwiegend Mestizen leben. Nur zur Wahlzeit erinnern sich die Politiker aus Lima an die ferne Quechua-Welt, meint Guillermo Chillihuany.
In Churubamba zum Beispiel gibt es keinen Strom, keine Medikamente, keine Busverbindung. Die einzige Straße ist über die Hälfte des Jahres in eine unbefahrbare Piste aus schlammiger Tonerde gewandelt. Und in der Zwergschule mangelt es an allem: Ein Buch müssen sich drei Schüler teilen, und die Stifte bezahlt der Lehrer aus eigener Tasche. In den letzten fünfzehn Jahren hat keines der Kinder die Schule bis zum Abitur in der Kreisstadt besucht. Und wenn sie später dort Arbeit finden, bekommen sie meist die Hälfte des üblichen Lohns.
Auf dem Markt von Andahuaylillas konnten wir beim Dreh selbst erleben, wie die Indianerinnen von Churubamba, die kaum Spanisch sprechen, beim Handel den Mestizen unterliegen, von ihnen belächelt werden und ihre Produkte am Ende weitaus unter dem gängigen Preis verkaufen müssen. Umso mehr haben wir uns dann gefreut, als sie das Fußballspiel gegen die Städterinnen gewannen. Auf einmal fühlten sich die Indianerinnen von Churubamba von den Mestizen beachtet und bewundert – ein Erlebnis, das ihr Selbstwertgefühl steigerte und sie einen kleinen Schritt weiter auf dem Weg der Eigenständigkeit brachte. Die Anden-Meisterschaft der Frauen hatte der Bürgermeister von Andahuaylillas vor zehn Jahren ins Leben gerufen. Nur über die Frauen, so glaubt er, kann die Entwicklung der unterdrückten Andenregion vorankommen.
Carmen Butta
SWS
|
|
Letzte Änderung: 31.05.2006
|
|